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4. Reisebericht von Dr. Waltraud Schippert Anfang Juli 2021

Updated: Aug 17, 2021

27.6.Sonntag: „Butter“weckle, warme gezuckerte gekochte verdünnte Dosenmilch zum Kaffee. Erinnert mich an die gezuckerte Bärenmarke von früher, nur daß jetzt vom kochen ein paar angebrannte Klümpchen darin rumschwimmen. Anruf: Frau mit Wehen. Ist anscheinend im Juni und Juli immer so, daß da weniger Kinder geboren werden und jetzt war es doch schon eine längere Zeit ohne Entbindung. Blutdruck bei der 25-jährigen Schwangeren ( Name: Regine) hoch mit 100/160. Hatte schon ein Kaiserschnitt wegen Eklampsie vor ein paar Jahren- Na prima, wir haben keinerlei Medikamente für Eklampsie! Aber sie jetzt am Sonntag ins Krankenhaus fahren, wenn da wahrscheinlich kein Gynäkologe ist bringt´s auch nicht. Anke entscheidet: wir versuchen´s hier. Die Mutter von ihr ist dabei und kümmert sich rührend um die junge Frau, die etwas geistig zurückgeblieben ist und laut ihrer Mutter nichts auf die Reihe bekommt. Sie und ihre Zwillingsschwester leben bei der Mutter, keine feste Partnerschaft und beide schwanger. Irgendwann werden die Wehen häufiger, dann geht nichts mehr voran. Und dann kommt eine weitere Schwangere mit Wehen, Matratze ins Klassenzimmer und dort kann sie sich hinlegen. Sie hat als Begleiterin ihre 11 (oder 13?)jährige Tochter dabei, die umgehend von Anke heimgeschickt wird, es soll ein Erwachsener kommen. RR ebenfalls 160/100. Hatte von einer Klinik wegen Hochdruck bei Eklamsie Medikamente bekommen, die nicht genommen , weil sie zur Entbindung nüchtern sein soll (??)und auch nicht dabei. Der Blutdruck bei Regine steigt, sie bekommt 1 Adalat und dann hängen wir Oxytocin an und beten, daß alles gut geht. Sobald die Presswehen endlich kommen, drück ich mit aller Kraft auf den oberen Uterusrand, um ihr zu helfen , als der Kopf einfach nicht weiter hindurch will. Um 13.30 ist ein kleiner Junge geboren. Anke saugt ihn ab, er öffnet die Augen und atmet, aber er schreit nicht ( ½ Stunde später dafür andauernd). Schöne Überraschung: Schallers kommen zu Besuch und bringen noch jemanden mit, die bei Lumière Haiti arbeitet und uns eine selbstgemachte Marmelade schenkt. 5 Deutsche auf einem Haufen , super! Ingrid hat gebacken und bringt Rührkuchen und superleckeren Nusskuchen aus Erdnüssen, Mandeln ( die laut Anke keine richtigen Mandeln sind) und Haselnüssen mit. Sie schauen sich das Gelände und alle Gebäude an und sind sehr beeindruckt von der gesamten Anlage, der Art des Hausbaus mit dem luftigen Dach und den stabilen Holzbalken. Unsere Kinder sind bis auf die ganz Kleinen alle beim Ausflug, aber Sonie kommt dazu .Sie kennen sich schon von einem kurzen Besuch in Nanguiné. Auf Anke`s Terrasse gibt es gekühlte 7up und deutschen Kuchen. Reinhard erzählt, daß er gern mit Air Caribic direkt PaP-Madrid-Paris oder Air France Santo Domingo-Madrid-Stuttgart fliegt. Er bucht über´s Reisebüro als NGO-Flug und kann dann 2 Koffer mitnehmen und kostenfrei umbuchen. Gut zu wissen! Sie fahren rechtzeitig zurück nach les Cailles um vor der Dämmerung zuhause zu sein. Bei unserer 2 Schwangeren tut sich noch nicht viel, ich geh auf mein Zimmer und hör Geschrei. Unser 13-jähriger schwieriger Junge von Nanguine ist auf einen Baum geklettert, obwohl eine Betreuerin ihm gesagt hat, daß er das nicht darf. Ich ruf ihn her und alle Jungs drumrum schreien: punition, punition! Das bringt mich mehr auf die Palme als das auf den-Baum-klettern. Zuerst schick ich die kleineren weg, red dann mit A. , sag ihm, daß für ihn das gleiche gilt wie für die Kleinen hier , er den Betreuerinnen gehorchen muss und was hier die Stafmaßnahmen sind: kein Film, keine Süßigkeit, kein Fisch zum Weckle… , daß er Vorbildfunktion hier hat, weil die kleineren auf ihn schauen…und dann geh ich hoch und red mit den Jungs, sag ihnen, wie enttäuscht ich von ihnen bin, daß ich dachte, sie seien hier wie eine große Familie, die zusammenhält und wie blöd ich Schadenfreude finde. Ich weiß nicht, wieviel davon sie verstanden haben, aber sie waren auf einmal sehr still.

28.6.Anke ist weg. Die schwangere Frau ist noch da, also kann Anke nicht wie eigentlich vorgesehen nach les Cailles gefahren sein. Sie hat Wilder ( mit Antibiotikatabletten) nach Nanguinè gebracht und Valeur mit den 2 Mädchen , die Aufnahmeprüfung in Camp Perrin haben zu Hugo gebracht, der fährt. Sie ist zurück gelaufen.

Bei den Jungs steht kein Frühstück auf dem Tisch—sie haben nachts Rabatz gemacht und bekommen zur Stafe keine Spaghetti. Ich nehme 1 piment soiseau, ca johannisbeergroßes,grünes, weiches sehr scharfes „Chili“, zerdrück das mit der Gabel und wälze meine Spaghetti in dem bißchen Saft, der austritt. Danach kommt die grüne Hülle auf die Seite und mir läuft die Nase von meinen prima scharfen Spaghettis. Danach geh ich in unseren Behandlungsraum und räume erstmal 9 von den Ratten oben angefressene Kochsalz-Infusions-Plastikflaschen weg und alle noch intakten in den Metallschrank . Blöde Vieher! Wegen den Hunden und der Katze sind Giftköder schwierig und was soll man mit Ratten in einer Lebendfalle machen? Trotzdem muß irgendeine Lösung her, die Ratten machen zunehmend Schäden , wie der ausgefallene Strom, die Flaschen jetzt oder die gefressenen Samen im eigentlich rattensicheren Holzschrank zeigen ( da war ein Rattennest drin). Um 9 hängt Anke auch bei dieser Schwangeren Oxytocin an und um 13.10 Uhr ist ihr 4.Mädchen geboren. Der Papa ist überglücklich. Nachmittags klebe ich Bücher, Dieuseul und A. helfen dabei, wobei die „ Hilfe „ von A. viel Zeit in Anspruch nimmt. Ich werde sehen, wann ich ohne „ Hilfe“ weitermachen kann. Was sehr gut ist: Dieuseul geht´s zur Zeit gut! Eine Reise nach PaP per Auto wäre momentan eh nicht möglich, weil Banden die Straße gesperrt halten. Deshalb kommt auch kein Benzin hierher und so steigen die Schwarzmarktpreise für Diesel auf das zur Zeit 3-fache!

29.6. Internetverbindung!: ich kann Dieter und Marianne eine Geburtstagsmail schicken, habe 86 Mails in meinem Postfach und erfahre, daß in Tübingen ein Hagelunwetter Schäden an Jalousien am Haus ( nicht bei mir) und im Garten angerichtet hat. Sonst nur gute Nachrichten, gut! Anke erzählt mir, daß Hugo am 6.7. in die USA zum Gegen-Corona-Impfen-lassen fliegen will. Das erhöht natürlich nochmal den Druck auf sie. Wenn Hugo weg ist, läuft bei der Propangas-Baustelle erstmal gar nichts. Außer der Abrechnung, die ich mitnehmen will steht noch die Einschreibung für die Schule einschließlich der Tests für die eventuellen Schüler an in den kommenden 2 Wochen. Ich arbeite weiter an den Büchern, komm mir ansonsten etwas überflüssig vor, denn mit der geplanten Hilfe für die Buchhaltung geht erstmal gar nichts für mich. Anke muß das mit Lajeau , Hugo und Valeur und evtl auch Sonie durchgehen.

30.6. Beim Frühstück erzählt mir Anke, daß Hugo beauftragt worden sei, den Kostenvoranschlag für den Bau eines Hauses zu erstellen, das ich bezahlen werde. ??? Ich muss dringend mit Sonie, Valeur und Anke reden, denn ich habe die 8000€, die von den Sternsingern fehlten zugesagt und auch, daß man einen Kostenvoranschlag für die geplanten Projekte brauche und wir dann darüber reden müssen, aber mehr auch nicht. Später kommt Hugo und ich frag ihn, wer das gesagt habe- er meint, das sei wahrscheinlich ein Verständigungsproblem mit Valeur gewesen. Er will die Kostenrechnung aber noch heute machen. Aha. Ich mach weiter mit den Mathebüchern, da kommt ein Notfall mit unklarer Ursache einer Bewußtlosigkeit. Blutdruck und Zucker normal, keine Schwangerschaft, keine Anämie, jetzt orientiert .Beginn sei mir sehr starken Schmerzen halbseitig vom Nacken uber das Auge bis in die Backenzähne ziehen gewesen und sie habe Tiere gesehen, die die Andern nicht gesehen hätten.Dann sei sie hier aufgewacht. Keine Ahnung, was diese junge Frau hatte/ hat.Vielleicht ein Migräneanfall? Jetzt hat sie noch leichtere Kopfschmerzen Aber sehr schön zu sehen, wie der Vater seiner Tochter die Hände auf den Kopf legt und für sie betet! Nach 1-2 Stunden geht´s ihr gut und ich fahr beide heim. Lajeau hat mir meine Handykarte für einen weiteren Monat Internetzugang aufgeladen für 1800G ( ca 18 €) Und ich hab einen Becher Curesolsaft getrunken.So lecker!

Heute ist Gründungsfest von menkontre und Sonie kommt zur Deko und Vorbereitung des Essens. Wir feiern den 19. Geburtstag und dafür wurde ein Ferkel geschlachtet.Anke muß davor noch die Abrechnung für die Angestellten fertig machen, denn morgen ist Gehaltszahlung. Ich hol schon mal 2 „Fuhren“ Kids von Nanginé, Hugo bringt die Übrigen. Erstmal herrscht Chaos, denn 5 Jugendliche haben das Durcheinander genutzt und sind ihrer Betreuerin abgehauen! Begonnen wird mit Verspätung mit Gebet –mit der Bitte um Segen und Bewahrung für alle Kinder und Mitarbeiten und für alle, die in Deutschland Geld und Unterstützung für menkontre geben–und Dankeslieder-Singen. Dann kommen die Geburtstagskinder auf einen Stuhl in der Mitte und werden unter Singen hochgehoben. Ich muss auch drauf, keine Chance, dem zu entrinnen. Es folgen Spiele wie Ball in 1 Dose werfen( Belohnung: 1 Bonbon) .Jeder darf sich hinten wieder anstellen und es so oft versuchen, bis man getroffen hat. Oder Ringe über Flaschen werfen , Tischtennisbal auf einem Schläger hüpfen lassen, dann ein kurzes Theaterspiel und dann gibt’s ein Festessen! Mit Saft/Limonade für jeden. Die Kleinen kommen danach ins Bett, die Großen werden nach Hause gefahren. Vor der letzten Fahrt gibt´s noch einen unschönen Streit wegen 2 dünnen Matratzen zwischen einem der großen Mädchen und einer Mitarbeiterin. Die junge Frau hatte „ihre“ Matratzen in Nanginé gesucht und hier im Jungenzimmer gefunden, unter den Arm gepackt und hinten auf den Pickup gelegt. Das seien nicht ihre Matratzen, sondern die von menkontre ,kein Kind habe eine eigene Matratze—doch…..Wie auch immer, ich sag K., so dürfe sie keine Mitarbeiterin anschreien, das geht einfach nicht und sie läuft wütend Richtung Auto .Schnell noch die Tische, Bänke und Stühle für morgen wieder richtig hingestellt, dann geh auch ich Richtung Bett.

1.7.Spaghetti zum Frühstück, dann ab auf´s Klo—auf den Curesolsaft ist wirklich Verlass!–, dann unter die Dusche. Die Kids sind weg und ich nutze die Stille und schreib an meinem Tagesbericht. Dann geht´s wieder zu meiner Hilfsarbeitertätigkeit: Bücher kleben. Stupide! Ich bleib schön im Büro, um der „Mitarbeit“ der Jungs zu entgehen. Das interessante ist die Gehaltsauszahlung. Ich sitzte extra mit dem Rücken zu den Mitarbeitern, die hereinkommen und versteh auch längst nicht alles, was da auf kreyol geredet wird. aber wenn mal etwas abgezogen wurde, weil z.B.die Leute nicht immer da waren ,gibt er ein lautes Palaver, das aber immer mal wieder im Gelächter endet. Trotzdem: irgendwie komm ich mir unnütz vor und freu mich schon sehr auf daheim. Nachmittags malen mir die Kinder Bilder. Irgendeiner hat damit angefangen, „trawedel“ (kreyol? für Traudel) draufzuschreiben und die meisten haben es nachgemacht. Unser Zugang von Nanginé ist extrem anstrengend, redet mit sehr lauter Stimme, mischt sich in alles ein, kommt her und sagt, jetzt bin ich dran, kommandiert und schupst die kleineren rum… Aber er fragt, mich, ob er mir wieder helfen kann, die fertigen Bücher in die Klassenzimmer zu tragen..

2.7.Zum Frühstück Kochbananen und sang, also gekochtes und gewürztes Blut. Schmeckt auch wie Blutwurst, lecker! Die Hunde kriegen von mir nur Kochbanane ab. Anke hat nichts zu arbeiten für mich, also geh ich eben wieder zu den Büchern ins Büro und wünsch mich nach Tübingen. Riesengeschrei im Saal: A. hat ein Mädchen auf den Kopf geschlagen. Die Betreuerinnen wollen ihn nicht mehr zu den Kleinen lassen, er soll verschwinden! Ich nehm ihn mit zu Anke, aber die hat jetzt überhaupt keine Zeit für ihn. Ich schlag ihr vor, daß er den Männern bei der Arbeit mit den Tieren und dem Gärtner zuteilen soll und nehm ihn mit zu Benell. Der ist gar nicht begeistert, meint: der tut nicht das, was man ihm sagt ,aber er nimmt ihn mit sich. Anke sagt mit, daß eine Zyklonwarnung einging , Hugo Hals über Kopf nach Beaumont gefahren sei , keiner wisse, wann uns der Sturm erreicht—alles von jetzt bis Nacht von Samstag auf Sonntag, soll den Süden Haiti´s treffen , also räum ich die fertigen Bücher in die hoffentich sicheren Regale in den Schulzimmern und dann fängt ein richtiger heftiger Tropenregen an. In einer kurzen Pause renn ich runter zu den Mädchen. Mittagessen: Reis mit Schweineleberstückchen! Aber so was von gut! Dann trommelt der Regen auf´s Dach, aus der Dachrinne plätschert es vor meinem Fenster, die ist wieder mit Blättern verstopft und ich lieg unter meinem Moskitonetz und mach ein Mittagsschläfchen. Irgendwie bin ich zur Zeit immer müde. Nach 2 Stunden scheint die Sonne und ich geh eben wieder zu den Büchern. Spiele Gummiringewerfen mit den Jungs und verliere haushoch.

3.7. Anke hat heute Nacht eine Frau „entbunden“, na ja, eigentlich hat die Frau auf der Steinbank vor unserem Tor ihr Kind bekommen, niemand hat das „mit dem Stein an das Metalltor-Klopfen gehört!. Irgendwann hat diese Frau dann doch Anke per Telefon erreicht und Anke hat Mutter und Kind dann versorgt. Vor dem 1. Schluck Kaffee geht ihr Handy: eine Frau kommt zur Entbindung. Es stimmt, was Anke gesagt hat: im Juni ist oft Pause, aber dann kommen die Frauen gehäuft zur Entbindung. Die Frau von heute Nacht ist schon unterwegs nach Hause, bei der Neuen dauert es sicher noch, der Muttermund ist noch ganz geschlossen, also geht sie auch nach Hause . Hugo kommt zu Anke, danach auch Valeur, es ist also nicht mit Schlaf nachholen für sie und ich—bin wieder bei den Büchern. Immerhin werden die Stapel deutlich kleiner. Richardley findet ein paar Bohnen und ich geb ihm eine Schachtel, damit er Erde rein und die Bohnen pflanzen kann—prompt wird ihm die Schachtel von Jacklin weggenommen und kaputt gemacht. Richardley rennt zu mir und Jacklen versteckt sich. Sofort sind 3 weitere Jungs bei mir, die sich anbieten, ihn zu suchen, aber ich sag ihnen, das sollen sie lassen, spätestens zum Essen wird er da sein. Strafe: den nächsten Film darf er nicht mit anschauen. Danach bekommt jeder der Jungs eine leere Tablettenschachtel und alle stürmen glücklich zusammen los um Erde zu suchen und (getrocknete) Bohnen zu wässern und dann zu pflanzen. Na hoffentlich wächst was! Eine neue Frau kommt zur Entbindung. Ich versteh kaum etwas von dem, was sie sagt und sie mein französisch nicht, Auf jeden Fall hat sie keine häufigen Wehen.Später kommt Anke: die Frau war stundenlang hierher unterwegs, hat eine deutliche Infektion( bekommt erst mal Antibiotikum gespritzt, Kind ist evtl übertragen, aber kaum Wehen. Bei der Sturmwarnung werden wir heute ganz sicer keine Geburt einleiten! Aber die Frau bleibt mit ihrer Begleiterin im Klassenzimmer.Es sieht nach Regen aus und ich geh nach unten zum Mittagessen. Valeur kommt kurz vorbei, zeigt mir auf dem Handy den heranziehenden Hurrikan, der wirklich Richtung Südküste Haitis zieht und geht dann schnell zurück nach Beaumont. Er ist Zyklonbeauftragter der gesamten Umgebung. Heftiger Tropenregen, Anke kommt und sagt den Betreuerinnen , was sie tun sollen, wenn der Zyklon kommt. Vor allem keins der Kinder ins Freie lassen. Die allermeisten Sachen wie Wäsche, Schuhe, Eimer…sind wegen des Regens eh schon eingesammelt, nur die Wäsche von Ronise hängt noch nass an der Leine—keiner weiß, wo sie ist. Marianne hängt die Wäsche von ihr ab und sammelt alles ein. Danach ist Siesta , um 15 Uhr fangen die Kids an zu spielen und zu singen, ist richtig schön. Es wird deutlich kälter, ich bin froh über meine gestrickten Socken und meinen Pulli–immer wieder Regenschauer—alles wartet auf den Sturm. Dann fängt es so richtig an zu regnen. Ausnahmsweise esse ich unten zu Abend: Fisch , Weckle und warmen gezuckerten Ingwertee. Die Bäume biegen sich, der Himmel ist fast gelb, ähnlich wie vor Hagel in Deutschland. Um 20 Uhr tobt der Sturm in heftigen Böen, singt und pfeift ums Haus man sieht draußen nichts mehr, es ist kuhnacht. Auf dem Wellblech ist der Regen natürlich immer laut, aber jetzt ist der Krach ohrenbetäubend, ich höre die Kinder kaum mehr. Ich bete, daß das Wellblech hält. Die Kinder gehen ins Bett, wir 3 Erwachsenen sitzen noch eine Weile unter dem Vordach und dann geh ich auch „schlafen“.

So 4.7. Ich hatte mich nicht getraut, Oropax in die Ohren zu stecken, aber ich bin tatsächlich irgendwann eingeschlafen mit dem Lied im Kopf: von allen Seiten umgibst du mich, oh Herr. Anke wurde um 4 Uhr von der schwangeren Frau angerufen, es gehe jetzt los mit Wehen( waren keine richtigen Wehen), hat dann Oxytocin angehängt und jetzt hat die Frau endlich richtige Wehen. Unser Stationszimmer, also das Zelt, hat´s vom Sturm umgehauen,die angeblich wurden ein paar Bäume umgeweht, aber nocht in der Nähe der Häuser, ansonsten seh ich keine großen Schäden. Trotzdem muss ich immer wieder an die Frau in der „Hütte“ beim neuen Markt und die Frau mit dem löchrigen Segeltuchdach denken!

Erstmal 1 Schluck Kaffee,dann sprengt Anke die Fruchtblase und dann geht´s recht schnell und ein kleiner Junge ist, 2x die Nabelschnur um den Hals gewickelt, geboren. Nabelschnur weg und schon schreit er aus vollem Hals—Gott sei Dank! Wir frühstücken im Saal, umringt von den Jungs. Ich geb den Jungs Farben und jedem 1 Blatt Papier, geh dann runter zu den Mädchen, Diana hat Bauchschmerzen.

Es gibt immer wieder auch starke Regenschauer und böigen Wind, aber der Hurrikan scheint vorübergezogen zu sein und hat uns- Gott sei Dank!- nur gestreift. Danke an alle, die an uns gedacht und/oder für uns gebetet haben! Anruf: ich soll schnell kommen, ein Mann ist verletzt, alles sei voller Blut! Ich will losrennen und rutsch erstmal auf dem Pipi von Anna auf dem Betonboden aus und mich haut es volle Kanne auf´s Knie. Ich renn trotzdem , ein bissle humpeln, nach oben. Ein junger Mann liegt auf dem Tragetuch im Behandlungszimmer, seine Kleider sind voller hellrotem Blut, Anke´s Hose hat´s auch erwischt. Er ist gestolpert und mit dem Daumenballen in seine Machete gefallen. Der Muskel ist durch, arterielle Blutung. Anke hat schon Medianusblock gelegt und spritzt jetzt noch eine lokale Betäubung unter Gejaule des Patienten, um auch den anderen Nerv zu betäuben. Muskelnahtmit unserem vorletzten resorbierbaren 2-er Faden, dann Hautnaht. Gut, daß sie Spezialistin für Handchirurgie ist!, Schiene, dann bekommt er noch ein Antibiotikum als Prophylaxe, Eisen- und Ibuprofentabletten. Es ist aber nichts mit heimfahren für ihn, ihm wird´s schwindlig, wenn er sich aufsetzt. Also bleibt er mit Begleitung auch über Nacht hier und bekommt viel zu Trinken. Unsere neue Mama mit Baby und Begleitung schlafen auch im Klassenzimmer, da wird es langsam eng. Bei dem vielen Regen ist die „Strasse“ zu ihrem Dorf unpassierbar.

Heute steht in den Losungen. Gieß auf uns(mich!) deinen Geist, darin die Liebe fließt in unsere Herzen ( mein Herz). Wenn Anderson mich nervt, oft schon durch sein Auftreten und seine laute Stimme, bete ich immer wieder—Gott, lass mich in ihm dein Kind sehen! It´s me , it´s me oh Lord, standing in the need of prayer!

5.7.Hektik früh am Morgen: Heute sollen die Examensaufgaben gedruckt werde für diejenigen, die auf der Kippe stehen, der Drucker sreikt nach wenigen Blättern und unser deutsches Papier ist fast aus. Valeur kommt, macht die Kartusche xmal rein und raus, alle sind genervt, weil es nicht vorwärts geht und der Drucker ein Blatt nach dem anderen frisst. Ich kanns kaum glauben, als zuerst Anke, dann Valeur ein kurzes Diktat für die Lehrer in Schönschrift auf ein Schmierblatt schreiben, um jeweil 1 Blatt Papier zu sparen!! Das Papier reicht trotzdem nicht. Valeur und ich versuchen es mit feinem hellgelbem Papier, aber das ist zu fein, hängt sofort fest. Dann probieren wir das dickere haitianische Papier und das geht problemlos! Valeur löscht ein paar Leerzeilen raus und damit macht es auch nichts, wenn dieses Papier etwas kürzer ist, als unser deutsches. Wir bekommen alle Aufgaben gedruckt und sind sehr zufrieden! Anke gar nicht, als ich es ihr erzähle! Jede Zeile sei für einen Rechenschritt, da würden die Schüler wissen, jetzt würde keiner die volle Punktzahl bekommen… Wir hätten es ihr doch sagen können, dann hätte sie die Aufgaben kurz umformatiert! ???ich bin sauer und kann es nicht fassen, bisher hieß es doch immer, Umformatieren sei eine Riesenarbeit! Bevor es zwischen uns knallt, fahr ich nach Nanginé, Valeur will den monatlichen Großeinkauf machen.Vorbei an vielen Menschen, die heute die Zeugnisse ihrer Kinder abholen wollten und auf Donnerstag vertröstet wurden. Das ist wirklich ein Großeinkauf ! Riesenmengen an Mais, Reis,Mehl,Zucker,Maggiwürfel,Säcke voller Knoblauchknollen, Kisten voller gebratener Fische, Kanister mit Öl……,auch Lutscher und Bonbons sind dabei. Die Ladefläche ist 2x richtig voll!. Die Hälfte kommt nach Fontrankil, Sonie kommt auch mit, damit im Depot alles an den richtigen Platz kommt, Altagrace auch, weil fast alle ihre Kleider und ihre Matratze noch bei uns sind Valeur und Kettlie auch und dann helfen alle Jungs mit, die vielen Eßsachen ins Depot zu tragen. Da hilft wirklich jeder gerne mit, man muss sie eher bremsen, weil sie zu schwere Lasten tragen möchten. Ich fahr Altagrace und Kettlie kurz zurück und dann schauen wir Film: der kleine Eisbär.

6.7.Mal wieder Note für Note aus den Examina 1-3 ins Zeugnis eintragen. Das sind bei 3 ersten und zweiten Klassen schon mal 180 Schüler x 3 Examen x 10 Fächer =5400 Noten, die zu übertragen sind—da wirst du zum Hirsch! Valeur und Anke besprechen, wer was macht, also überprüfen, ob das Schulgeld bezahlt wurde, Uniformhose zurückgegeben, kaputte Bücher abgeliefert ( ein kaputtes Buch kostet 50 Gourde. Für 1 Shampoo habe ich auf dem Markt 250 Gourde bezahlt) oder eine ausgeliehene Geburtsurkunde wieder zurückgebracht wurde, dann, welche Lehrer das Zeugnisblatt aus dem Klassenstapel heraussuchen, bei wem die Elten unterschreiben müssen … Dann möglichst 4 Leute beim Tor, die den 20 Eltern, die auf 1x reindürfen, Kronkorken mit Nummern drin ausgeben und wieder einsammeln, wenn die Eltern rausgehen… Um 11 Uhr ist der Strom weg! Der Boss wird angerufen—er komme morgen. Ich trage mit der Taschenlampe zwischen meinen Zähnen bis 21 Uhr Noten ein, dann reichts mir.

7.7.Um halb 7 kommt Anke: der Präsident wurde heute Nacht ermordet! Man hört fast kein Fahrzeug auf der Strasse, der Elektriker will heute auch nicht kommen. Keiner weiß, was jetzt im Lande los sein wird. Frühstück im Saal. Sehr gedrückte Stimmung bei allen, die kommen. Eigentlich tragen Anke und ich den ganzen Tag über Noten ein, mal bei laufendem Motor im Auto, dann, wenn die Batterien aufgeladen sind, im Zimmer, wieder im Auto…Obwohl ich sonst nix mach, bin ich abends ko und geh um 22 Uhr schlafen.

8.7. Anke hat bis Mitternacht und dann wieder seit 4.30 Uhr Noten eintragen, ich erst seit 6. Ein paar Schluck Kaffee, dann nehme den Drucker mit nach Nanginé, drucke dort mit Valeur die Zeugnisblätter von Vorschule und 1.Klasse, danach mit Valeur und 3 großen Kids zum helfen zurück, kommen mit dem Auto nur sehr mühsam cm um cm an der großen Menschenmenge vor unserem Tor vorbei, die Blätter zurechtgeschnitten. Anke und ich tragen so schnell wir können weiter die Noten ein. Wir haben versucht, mit dem Drucker im Auto zu arbeiten, aber die 110V reichen ihm nicht. Also fahre ich zum Drucken von 2 weiteren Klassen wieder nach Nanginé. Um 15 Uhr sind alle Klassen fertig eingetragen. Anke meint: jetzt noch eine Entbindung, dann wäre der Stress maximal. Sie und Valeur fangen an, die Zeugnisse auszugeben. Manche Eltern haben seit 5 Uhr vor dem Tor gewartet!!Prompt kommt Benell: am Tor ist eine Schwangere mit Wehen. Ich geh raus und red mit ihr, sie hat nur selten Wehen, ist nichts Dringendes, sie kann also noch warten. Der Elektriker kommt—ohne Maske! Ich sag ihm, eine kostet 10 $, er nickt—mal sehen, ob er die wirklich bezahlt( tut er nicht). Wackelkontakt, eine Sicherung nicht richtig drin, die Sonne habe nicht ausreichend gescheint wegen dem Hurrikan… was es wirklich war, konnte ich nicht herausbekommen, aber wir haben wieder Strom .Ich hol schnell den Drucker, um alle Klassen auszudrucken. Dann der Anruf eines Mitarbeiters: sein kleines Kind hat sich ein Maiskorn in die Nase gesteckt, Anke soll es herausholen—muss auch warten, erstmal ist Zeugnisausgabe. Abends sind alle ko, Ich fahr die Helfer zurück und bedaure, nicht zusehen zu können, wie Anke das Maiskorn aus der Nase bekommt. Wieder zurück erfahre ich, daß das Kind nießen musste und –das Problem war behoben. Die Schwangere wurde von Anke nach Hause geschickt, waren wohl nur Senkwehen.

9.7. Internet: laut deutscher Botschaft herrscht seit dem 7.7. der Ausnahmezustand, Flughäfen sind zu und Grenze zur DomRep geschlossen. So, jetzt sitz ich hier fest! Ich schreib Emails an die Fluggesellschaften wegen meines Rückflugs, Anke schreibt an die deutsche Botschaft in PaP, die hatte sich wegen eines Krankheitsfalls an sie gewendet, aber es kam bisher keine Antwort.Per Telefon komm ich nirgends durch. Ich bin erstmal gefrustet, dann bete ich und dann schieb ich das alles auf die Seite und helf bei der Einschreibung. Es werden 20-25 Eltern reingelassen mit einer Nummer , die sollen dann die diversen Stationen durchlaufen( Schulgeld bezahlt? Uniformhose und intakte Bücher zurück? Geburtsurkunde da?Dann bekommen sie das Zeugnis, müssen zu Valeur, wenn zu viele Fehltage da waren oder die Kind sich schlecht betragen haben gegenüber dem Lehrer oder andere Kinder geschlagen haben und dann, wenn alles geklärt ist, zu Anke, um neu eingeschrieben zu werden ( oder ,selten, auch nicht mehr!) . Abends bring ich die Helfer zurück und dann den größeren Mädchen hier Blätter und Farben. Sie malen, ich werd zerstochen .

10.7.Wieder Einschreibungen, Menschenmassen vor dem Tor.Die Lehrer kommen heute nicht, also hole ich Valeur und 6 Jugendliche zum Helfen. Die Examensarbeiten nach der „ Nachhilfezeit“ werden z.T. nebenher korrigiert und benotet und tatsächlich bestehen damit doch einige Schüler die Klasse. Vor allem die 4. Klasse ist rappelvoll, weil viele wiederholen müssen, da ist man um jeden froh, der in die 5. Klasse kommt. Schwangere kommt zur Entbindung, Muttermund 3 cm offen. Es ist ihre 2. Entbindung, bei der 1. wurde wegen Eklampsie ein Kaiserschnitt gemacht—oh je! Blutdruck ist stabil, aber nach 1 Stunde schreit sie fürchterlich bei jeder Wehe—erst 5 cm offen. Eine Frau wird auf einer Trage hergebracht. Ich geh vor´s Tor. Frau dehydriert, ein Bein dich geschwollen bis zur Leiste, Bein und Stirn heiß— kommt ins Klassenzimmer. Fast verheilter Riss an 1 Zeh, 1 dicker druckschmerzhafter Lymphknoten in der Leiste. Temperatur zu meiner Überraschung nur 37,5. Tiefe Beinvenenthrombose oder Phlegmone? Sie bekommt Heparin und Infusion und Antibiotikum iv. Anke tippt eher auf Thrombose, ich auf Entzündung, also behandeln wir beides. Koffer unter´s Bein zum hochlagern. Unsere Schwangere will pressen und ich renn , um Anke zu holen. Muttermund war doch eigentlich gerade erst 5 cm auf , aber sie kommt mit und schon werden wir gerufen, das Baby sei da! Tatsächlich ist das Kind schon geboren, Anke nabelt ab, will das Kind versorgen und schon kommt die Plazenta hinterher. Leider ist der Damm sehr gerissen bei dieser Sturzgeburt.Mit dem Licht des Händys wird genäht—eine gute Op-Lampe wäre echt ein Segen!! Ein Gyn-Stuhl ist schon im Container, wenn der kommt,, müssen die Frauen ihr Füße nicht mehr auf Anke´s Oberschenkel abstützen, wenn sie nähen muss! Jeder auf dem Gelände hat die Schmerzensschreie bei der Entbindung gehört und ich zeige stolz—als hätte ich dabei mitgeholfen—das neugeborene Mädchen den wartenden Eltern.

Film :Pippi, 4. Teil. Heute haben die Jungs abgestimmt. Der lokale Standesbeamte bringt eine Frau her zur Untersuchung , schaut sich mit den Film an und unterhält sich mit mir.Er hat interessante Ansichten über die Ursache der Armut in Haiti, kennt die größeren Kinder , weil er 9 Jahre lang Lehrer in der 5. Klasse bei menkontre war und fragt mit aus, wie das bei Geburten oder Hochzeiten in Deutschland läuft. Hier gibt es väterliche ( vei Verheirateten) und mütterliche (bei Ledigen) Ausfertigungen der Geburtsurkunden. Beim zurückbringen der Kids aus Nanginé meint Valeur, der Chef der Übergangsregierung wolle so schnell wie möglich wieder Normalität im Land— damit keimt ein winziges Flämmchen Hoffnung in mir auf, daß es mit meiner Heimreise evtl doch klappt.

11.7. Sonntag. Kinderstunde über die Seligpreisungen—soweit hab ich das kreyol immerhin verstanden. Heute wollen Anke und ich noch zu dem Dorf, das es bei dem Zyklon im September so schwer getroffen hat , dann werde ich packen und heute Abend wollen Anke, Sonie, Valeur und ich noch zusammen essen. Morgen um 6 will mich Hugo´s Bruder nach Jeremie fahren und Valeur kommt mit.

Sollte ein Flugzeug fliegen, endet hiermit mein Reisebericht, wenn nicht, folgt noch ein 5.

Eure Traudel



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