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Reisebericht von Dr. Waltraud Schippert – Mai 2021


Reisebericht von Dr. Waltraud Schippert – Mai 2021

Mein Name ist Waltraud Schippert, in Haiti bin ich Dr. Traudel , für die Kids einfach: Traudel

Jetzt bin ich schon 1 Monat bei menkontre in Beaumont und es wird Zeit für meinen 1. Reisebericht:


Abfahrt Tübingen um 5.30 Uhr nach Zürich mit dem größten Koffer, den ich ausleihen konnte, einem prall gefüllten Rucksack mit angehängter Stofftasche mit Traubenzucker-Lutschern und angeknoteter Regenjacke. 2/3 des Koffers sind mit Dingen für menkontre wie Medikamente, Druckerpatronen … gefüllt. Problem ist das Gewicht. 23 kg sind erlaubt, 26 kg waren auf meiner Waage . Deshalb Regenjacke und Lutscher an den vollen Rucksack. Meine guten Körpercremes und Shampoos raus, eine warme Jacke und meine Jeans bleiben auch in Tübingen. Gewicht 22,8 kg—gut so! Ich bin sehr froh, dass ich mit dem Auto zum Flughafen gefahren werde. Am Flughafen kann ich mit der Bankkarte Schweizer Franken abheben und die am Schalter in US-Dollar tauschen. Mein Flug geht über Madrid nach Santo Domingo (Dominikanische Republik). Ankunft um 17.50 Uhr mit einer Zeitverschiebung von 6 Stunden, es hat 31°C. Im Flugzeug neben mir saß eine junge Frau aus Santo Domingo, die momentan in Barcelona wohnt und wegen Corona zum ersten mal seit einem Jahr ihre Mutter besucht und ein Holländer auf Geschäftsreise. Er installiert und wartet Verpackungsmaschinen. Jeder bekommt 2 Zettel zum Ausfüllen, einen für die Einreise und eine Zollerklärung. Es ist ein sehr moderner Flughafen. Auf dem Fußboden sind markierte Flächen mit Pfeilen aufgeklebt und es wird von viel Personal streng überwacht, dass auch jeder nur auf den markierten Flächen steht. Ansonsten sind alle sehr freundlich.

Ich geh zum „Taxistand“: 2 Männer sitzen an einem Campingtisch, mit denen verhandle ich den Preis. Es werden 40 $ verlangt, ich handle auf 25 $ runter. Der Fahrer Almonte spricht nur Spanisch. Ich zeige ihm die Hoteladresse: Casa Aluge in der Calle Salome Urena und er fragt per Handy nach, wo das ist. Es ist viel Verkehr und leider wird es schnell dunkel, aber er bringt mich nach 2 „Ehrenrunden„ sicher zum Hotel. Es ist ein uriges kleines Hotel. Ich bestelle Borriga( Teigtasche mit gut gewürztem Fleisch und Gemüse), das sei typisch hier, und 2 Bier Presidante, das in Santo Domingo gebraut wird. Dann geh ich schlafen mit Klimaanlage und Oropax.

Karibisches Frühstück mit gebratenen Kartoffeln, Salami und Spiegelei, dazu frische Ananas und O´saft und so viel Kaffee, wie man trinken will. Ich geh für 3 Stunden in der Stadt spazieren, bin kurz in einer Kathedrale, flüchte dann aber vor dem vielen Weihrauch und werde von Almonte um 12 Uhr abgeholt und zu einem anderen Flughafen gefahren. So einen schönen Flugplatz hab ich noch nie gesehen: blühende Sträucher und Blumen zum Flugfeld hin, dafür sehr unbequeme Sitze. Es gehen 2 Propellermaschinen für 40 Personen nach Port au Prince. Zuerst diejenigen, die mit der teureren Fluggesellschaft (Sunrise) fliegen, dann nach ca. 30 Minuten der Rest mit mir. Ich sitze direkt hinter dem Piloten, die Tür zum Cockpit fehlt. Der Pilot macht eine Durchsage: sehr geehrte Fluggäste, unser Flug nach- Pause, er fragt den Copiloten: wohin fliegen wir eigentlich? Antwort Port au Prince- dann nochmal: geehrte Fluggäste, unser Flug nach PaP beginnt pünktlich. Der Flug ist ruckelig mit Windböen, aber er landet sicher. Ich bin in Haiti!

Am Flughafen werde ich von Franz, einem Angestellten von Hugo, der in Port au Prince (PaP) wohnt abgeholt. Er zieht meinen Koffer. Es geht vorbei an den Taxis, dem Parkplatz zu einem Tor am anderen Ende des Geländes. Ich frag ihn, wo er sein Auto abgestellt hat, versteh aber seine Antworten nicht. Vor dem Tor werden wir vom Sicherheitspersonal angehalten. Wohin er mit mir will. Verstehe wieder nichts. Das Personal verweigert den Durchgang. Ich frag einen, warum und er antwortet: dieser Mann will mit dir die ganze Strecke zu Fuß gehen, das ist viel zu gefährlich. Wir müssten ein Taxi nehmen. Alles Schimpfen von Franz hilft nichts. Wir müssen zurück. Einer der anderen Fahrer fährt uns schließlich. Das sind einige Kilometer Straße, dann durch einen Markt, dann noch ein Stück bis zum Haus von Jeannine. Eine junge Frau zeigt mir mein Zimmer und bietet mir Essen an. Reis mit Gemüse, schmeckt prima. Es stehen noch 3 andere zugedeckte Teller da, anscheinend werden noch andere Leute zum Essen kommen. Dann kommt die Frage, was ich zum Frühstück will: Ich sag: 2 Bananen und eine Mango, worauf sie mich fassungslos anschaut. Anscheinend isst man hier kein Obst zum Frühstück. Aber im Hof steht ein Mangobaum mit den tollsten Mangos und auf dem Markt hab ich die kleinen süßen Bananen gesehen. Schließlich schickt sie jemand los, der tatsächlich mit 3 kleinen Bananen zurück kommt. Im Hof kommt ein junger Mann mit einem Motorrad an und begrüßt mich herzlich. Ich geh früh ins Bett werde von den ersten Moskitos gestochen und wach kurz vor 5 Uhr auf. Um 6 will Franz mich zum Flughafen für Inlandsflüge bringen. Ich esse mein leckeres Frühstück, dazu starker Kaffee mit Dosenmilch und warte. Um halb 7 werde ich langsam nervös, um 7 so richtig. Abflug ist um 9 und man soll 2 Stunden vorher da sein. Anruf bei Franz bringt nichts, Hugo ist auch nicht erreichbar. Kurz vor halb 8 schlägt mir der junge Mann (Freund von Hugo) vor, mich mit seinem Motorrad hinzufahren. Die rechte Fußstütze hängt nach unten. Ich also hinter ihn mit meinem Rucksack, er die Tasche mit den Lutschern um den Hals und dann den großen Koffer zwischen uns. Ich ruf immer wieder: ich werde runterfallen - aber er lacht bloß. Wir kommen an einem riesenlangen Stau vorbei. Wie ich später erfahre, steckt Franz mittendrin!. Wir, wie alle anderen Motorräder, auch im Zickzack durch die Lücken. Ich seh den Koffer schon an einigen Autos kleben, das können höchstens mm zwischen Auto und Koffer sein, aber wir kommen gesund am richtigen Flughafen an, kurz bevor ich einen Krampf im rechten Oberschenkel bekomme. Das fängt ja gut an in Haiti!! Er macht noch ein Selfie von uns auf dem Motorrad und kommt noch mit rein in den Flughafen. Mein Koffer hat 8 kg Übergewicht, es sind nur 15 kg erlaubt. Kostet 30 US$. Er bietet an, 10$ davon zu bezahlen, entschuldigt sich auch noch, dass er nicht mehr dabei hat! Aber das lehne ich ab, er nimmt auch nichts an für´s Fahren. So ein netter Mensch! Verhandeln geht leider nicht, also bezahl ich eben.


Auf dem Flugfeld ist ein Helikopter von der WHO und unser Propellerflugzeug. Wieder sitze ich direkt hinter den Piloten und kann so auch durch die Frontscheibe schauen. Super Sitzplatz! Wir setzen zur Landung an und da seh ich eine Weiße beim Flugplatzgebäude von Jeremie stehen—das muss Anke sein!

Es ist Anke, die mich abholt. Wir fahren nach Jeremie rein und treffen dort Hugo. Er hat eine sehr sympathische ruhige Art und scheint 1000 Leute zu kennen. Auf der Straße hört Anke eine Passantin auf Kreol sagen: ich wusste ja gar nicht, dass es hier noch Weiße gibt! Viele kleine, zur Straße hin offene, Läden oder Stände am Straßenrand, oft mit Handys. Gewusel, Gehupe, jeder scheint etwas zu rufen. Die Häuser sind 1-3-stöckig, teilweise bunt bemalt. Es gibt nicht viele freundliche Blicke. Ich bin froh, als wir aus der Stadt rausfahren. Müll liegt überall am Straßenrand. Später steigt noch ein Mitarbeiter von menkontre zu. Schöne Gegend, fremde Bäume. Anke sammelt Baumsamen, um später Bäumchen zu ziehen. Sehen ähnlich aus wie Affenbrotbäume, sind aber laut Anke mit der deutschen Brennessel verwandt. Anke nennt Namen auf kreol und lateinisch, manche auch auf deutsch. Es geht immer bergauf. Die Palmen werden seltener. Da gibt es hier ein Sprichwort: eine Palme wächst dort gut, wo sie Wasser sehen kann. Wunderschöne Gegend. Auf den ersten Blick kann ich gar nicht glauben, dass in einem Land mit so vielen verschiedenen Bäumen so eine große Armut herrscht, aber auf den 2. Blick sieht man die vielen Felsen und Steine und wenig rote Erde. Die Straße ist ganz neu. Vor Beaumont fahren wir an Fontrankil, dem älteren Teil von menkontre mit den Schülern ab der 3. Klasse vorbei. In Beaumont biegen wir nach rechts ab, eine holprige Straße entlang und stehen vor einen verschlossenen Tor. Ein Pförtner öffnet—es ist Montag, der 19.4., ca 12 Uhr--ich bin beim Waisenhaus angekommen!

Anke führt mich herum, zeigt mir die ganze Anlage mit den Häusern, in denen die Kinder wohnen, Verwaltung, Schulgebäude und „ Krankenhaus“ und stellt mich gefühlt 1000 Leuten vor mit „ Dr. Traudel“. Ich bin erst mal beeindruckt, wie sehr sich die Leute freuen und auch, dass es für sie (im Gegensatz zu manchen Franzosen) kein Problem ist, Traudel auszusprechen. Von all den Namen kann ich mir keinen einzigen merken! Ich habe ein Zimmer im untersten Haus bei den Mädchen. Eine Gruppe 2-4-jährig, die andere bis 12. 1 Zimmer für die beiden Betreuerinnen, 1 Zimmer mit Kleidung und Spielsachen, 1 Zimmer mit 2 Klos und 2 Duschen, leider ohne Türen dazwischen und mein neu eingerichtetes Zimmer mit Bett (mit guter Matratze!!), Tisch, Stuhl und frisch blau angestrichenem Schränkchen. (Der geschlossene Fensterladen gehört zu meinem Zimmer.) Die Zimmer sind wie ein U angeordnet. Im überdachten Vorraum sind 2 große Tische, hier wird gegessen, gespielt….Ich räum einen Teil meines Koffers aus und leg mich erst mal hin. In Anke´s Haus (besteht aus 1 Zimmer mit kleinem Bad/ Klo) auf dem Berg ist es luftig. Fensterscheiben gibt es nicht, nur Fensterläden, falls es regnet, wie überall hier. Ihre Hauswände sind auf traditionelle Art geflochten, Zimmerdecke gibt es nicht - alles ist luftig und sehr angenehm. Da wird ein Ferkel gebracht, das nicht mehr stehen kann. Die Beine knicken immer weg, ist teils gelähmt. Isst und trinkt nichts. Anscheinend ist es von einem Virus befallen, das sehr ansteckend für Schweine, evtl. auch für Hunde ist und an dem viele Schweine sterben. Es wird erstmal bei Anke leben, damit die anderen 4 Ferkel und die Mutter sich nicht anstecken. Anke zeigt mir die Buchhaltung von 2020. Das, was ihr aufgefallen ist, ist farbig markiert. In unterschiedlichen Farben. Das wird dann später mit dem Buchhalter Punkt für Punkt durchgegangen. Es gibt Administration, Küche, Waisenhaus, Schule, Landwirtschaft (mit eigenen Schweinen und Ziegen)… Es sind relativ viele farbige Stellen—das sieht nach Arbeit aus!



Laufend gehen Anrufe ein: Ein Kranker möchte untersucht werden, ein Lehrer meldet sich krank und zig weitere. Wenn Anke telefoniert, versteh ich meist nix! Um 4 Uhr beginnt die Sprechstunde. Vor dem Tor warten Kranke z.T. schon seit dem Vormittag. Es gibt eine Liste in der Reihenfolge, in der sie kamen. Notfälle werden natürlich vorgezogen. Von jedem Kranken gibt es eine Krankenakte mit Namen, Geb-datum und Wohnort. Dann Anamnese, Untersuchungsbefund, evtl. Sonographie, Diagnose, Therapie und Verlauf. Super Dokumentation! Kranke mit Fieber, Husten, Bauchbeschwerden, Schmerzen oft im Oberbauch und eine Schwangere mit Übertragung. Dr. Rosi kommt dazu. Sie ist eine junge Ärztin, die bei Anke Sonographie lernt. Einem Waisenkind tut der Ellbogen weh. Gebrochen oder nicht? Anke meint nicht gebrochen, Arm wird geschient. Um 10 Uhr, es ist kuhnacht, sind alle Patienten versorgt. Ich hab keine Taschenlampe dabei, Anke bringt mich zu meinem Zimmer. Gut, dass Handys eine gute Lampe haben. Im Klo ist ein großer Eimer mit Wasser (15l?)- ich muss morgen nach einer Schöpfkelle fragen. Oropax und ab ins Bett.

Gut geschlafen, die Matratze ist gerade richtig für mich. Ich wach tatsächlich um 5.30 Uhr auf. Ziegen meckern, Hunde bellen (Anke hat 3) , Türen quietschen fürchterlich, Wasser plätschert, dann um 6.16 Uhr Kindergeschrei. Zeit zum Aufstehen. Die Kinder waschen sich von Kopf bis Fuß mit kaltem Seifenwasser - da würde ich auch schreien. Als sie fertig sind, bin ich dran. Die Eingangstüre ist abschließbar. Ich geh aufs Klo. Das benutzte Klopapier wird (zum Verbrennen) in einem Karton gesammelt, darf NICHT ins Klo geworfen werden, weil sonst die Leitung verstopft. Gut, dass nach oben alles offen ist, so stinkt es nicht. Danach mach ich Katzenwäsche und geh zu Anke. Frühstück besteht aus starkem schwarzem Kaffee und, weil heute Dienstag ist, Milch dazu—Dienstags bekommen die Kids Milch zum Frühstück - und einem trockenen Brötchen. Nichts mit ruhigem Frühstück. Laufend kommen Leute um sich „anzumelden“, manchmal sagt ihnen Anke, was heute zu tun ist. Wenn jemand zu spät kommt, gibt´s einen Anschiss. Das Schwein liegt zugedeckt da wie tot. Um 7.50 gehen wir zum Fahnenapell. Es wird die Fahne gehalten (der alte Baumstamm ist umgefallen und noch keine neue Stange da), die Nationalhymne mit Inbrunst gesungen, ich mit offenem Mund angestarrt, dann gehen die Kinder klassenweise mit ihrer/m Lehrer/in in ihre Klasse. Keiner darf in den Klassenraum, solange nicht der Lehrer da ist. Jeder Schüler hat ein blaues Oberteil an, einige auch blaue Hosen. Ein Lehrer ist krank. Der Ersatzlehrer steht am Tor, damit die zu spät kommenden Schüler registriert werden und muss erst von Anke „herzitiert“ werden. Er sieht nicht glücklich aus. Ich werde allen Lehrern und Schülern vorgestellt und vergesse sofort wieder all die fremden Namen.

Den beiden stationären Patienten geht es besser. Anke meint, der mit Diabetes kann gehen, er soll aber zum Zuckereinstellen ins Krankenhaus. Zucker morgens ist 88, nachmittags gestern 380, heute 280. Hier gibt es nur “normales“ Insulin, er braucht aber Retardinsulin. Der Mann meint, er kann nicht gehen. Er habe heute den Markttag verpasst, deshalb nichts verdient und deshalb habe er kein Geld, kann also nicht in die Klinik. Am späten Nachmittag geht er dann doch. Ohne danke zu sagen. Der kranke Junge meint, es geht ihm besser, Fieber ist auf 38,8 axillär gesunken. Das Antibiotikum wird von Spritzen auf Tabletten umgestellt. Die Mutter möchte die Entlassung. Sie weiß, dass sie wiederkommen kann, falls es schlechter wird. Tabletten (Antibiotika und Paracetamol), ein Danke und weg sind sie. Wenn man sagt: „ich geh jetzt“, gilt das als Abschied. Zum Mittagessen gibt es Kartoffeleintopf mit kohlartigen Blättern, wenig Karotten, für jeden 1 Stückchen Fleisch (ca. 3x3cm groß) und eine fingerdicke Mehlkloßrolle in Gemüsebrühe. Wie ich heute weiß, waren das keine Kartoffeln, sondern Yams und Kochbananen, Weißkohlblätter,„Spinat“, garantiert Biofleisch, so zäh wie das war und Boule, eine gummiartige Mehlpampe ohne großen Eigengeschmack. Schmeckt insgesamt aber gut. Ich esse einen Teller, die meisten der 5-10-jährigen Mädchen, mit denen ich am Tisch sitze, essen 2 Teller. Dazu gefiltertes Wasser. Kurze Pause, in der ich eine Dusche nehme. Ich hab eine abgeschnittene Infusionsplastikflasche als prima Schöpfkelle!

Dann bring ich weitere Medikamente in den Behandlungsraum. Anke ist v.a. über die Trachealsekretfallen für Neugeborene und die Diazepamrektiolen froh! Prompt wird am Nachmittag eine krampfende Schülerin gebracht, die den Mund nicht aufmachen kann, die Hände fest verkrampft hat, und nur leicht den Kopf schütteln oder nicken kann. 10 mg-Rektiole, danach 2 Calciumtabletten aufgelöst schluckweise zu trinken. Die Mutter kommt nach ca. 2 Stunden, da ist es besser. Das Kind habe das öfter, sie sei von einem Dämon befallen. Nach 2 Stunden sei dann alles wieder vorbei. Die Beine seien nie verkrampft, immer nur Kiefer und Hände—Kein Hypervertilieren, kein Hinweis auf Epilepsie, wir wissen nicht, was das Mädchen hat. Nachmittags kommt M. Valeur, der das Waisenhaus und Schule für die „Großen“ verwaltet her, um mit Anke u.a. das Problem der fehlenden 8000 €, die von den Sternsingern Rottenburg eingeplant waren um Häuser für die Leute zu bauen, die beim letzten Cyclon alles verloren haben zu besprechen. Es sollen einfache Häuser auf dem Randstreifen des Geländes von menkontre zum Markt hin gebaut werden. Planung gibt es schon, Zement für Ziegel ist schon gekauft und einige Bausteine sind auch schon gemacht. Sollten die Leute wegziehen, bleiben die Häuser Eigentum von menkontre. Ich sage die 8000€ zu, sie sollen weitermachen mit dem Bau, die Leute leben teilweise unter Plastikplanen! Bestimmt finde ich Leute, die das mit bezahlen werden .

Um 16 Uhr sitzen die Patienten auf Stühlen an der Hausseite, um behandelt zu werden. Bauchschmerzen, Rückenschmerzen, Fieber, Schwangere. Alle werden gründlich untersucht, im PC eingetragen (das mach ich) , evtl. sonographiert und bekommen kostenlos Medikamente. Wir sind schon um 20.15 fertig, weil die letzte schwangere Frau gegangen ist. Die Jungs haben mit dem Abendessen auf uns gewartet. Es ist Dienstag, da gibt es Fruchtsaft zum Brötchen. Wir haben es so geregelt: morgens Frühstück bei Anke, Mittagessen mit den Mädchen und Abendessen mit den Jungs. Die Kids fragen, ob ich einen Film zeige—aha, Anke hat ihnen also gesagt, dass ich Filme mitgebracht habe. Das stimmt, ich hab 4 vom Institut franco-allemand ausgeliehen und 4 Pippi Langstrumpf-Filme für sie gekauft. Und auf einem Stick sind auch Kinderfilme auf französisch von Ruth. Aber heute bin ich zu müde und geh um 21 Uhr schlafen.

Mittwoch, 21.4. Aufstehn 6.15 Uhr, Katzenwäsche. Die „Dusche“ ist morgens von den Kindern belegt, also werde ich duschen, wenn die Großen in der Schule sind. Frühstück bei Anke. Heute ist „Feiertag“, denn es gibt Nudeln und Spaghetti in Kürbissuppe zum Frühstück! Das gab es früher nur für die Kolonialherren und seit der Unabhängigkeit 1.2.1804 gibt´s Kürbissuppe 1x/Woche für alle zum Feiern. Das kleine Ferkel wird von Anke mit der Spritze mit Gemüsebrühe und heute mit Kürbissuppe gefüttert und steht tatsächlich wackelig auf. Ich weigere mich, ihm einen Namen zu geben, weil es ja irgendwann gegessen wird. Ich geh zum Fahnenapell und bin danach beim Unterrichtsbeginn von 2 Klassen. Ein Lehrer spricht vom sich Begrüßen, Zusammenhalt und gemeinsamen Aktivitäten in einem großen Kreis vor den Klassenzimmern mit gemeinsamen Bewegungen. Dann werde ich zu einem Kind mit Bauchweh gerufen, ein anderes wird mit Fieber gebracht. Eigentlich bin ich ja gekommen, um die Buchhaltung in Ordnung zu bringen und wollte gar nicht, dass die Leute hier wissen, dass ich Ärztin bin. Aber wie es aussieht, geht Anke eine farbig markierte Stelle um die andere mit dem Buchhalter durch und ich halte ihr den Rücken frei. Ich spiel mit den Kleinen Ball fangen. Das haben die wahrscheinlich noch nie im Leben gemacht, kapieren aber sehr schnell, wie das geht und haben einen Mordsspaß mit den 3 kleinen Jonglierbällen. Zwei der Kleinen haben in die Hosen gepinkelt und brüllen los, also zieh ich ihnen die nassen Sachen aus, da kommt die Betreuerin und zieht ihnen frische Sachen an und alles ist gut. Bei Hugo bestell ich 2 Biere und 2 Seven-up zum Radler machen und ein Ölspray wegen den quietschenden Türen. Bei ihm hab ich auch ein paar US$ in Gourde gewechselt. Zeit zum Tagebuch schreiben. Lajou , der Verwalter kommt: ich soll schnell kommen, jemand sei psychisch krank. Ich finde ein ca. 15-jähriges Mädchen, das den Kopf auf dem Tisch liegen hat und sich wild schüttelt, als ich es berühre. Ich rede langsam auf sie ein, da steht sie auf, kommt mit in den Behandlungsraum und legt sich auf die Liege. Sie habe das ca. 1x/Monat, aber bisher immer zuhause und noch nie in der Schule. Sie sei wie wild herumgerannt, war nicht ansprechbar. Anke kommt dazu, die kennt sie, redet auf sie ein und da antwortet sie sehr leise. Zittert, Blutdruck niedrig. Vielleicht hat sie heute noch nichts gegessen? Wir wollen ihr was zu essen besorgen, da haut sie wie der Blitz ab. Später weint ihre kleine Schwester, da kommt sie, wirkt ganz normal und tröstet sie.

13.15 Uhr Lehrerfortbildung. Wir über 3-stimmig: as pitié seigneur (hab Mitleid, Herr), as pitié auf die Melodie von kum baja. Es wurden Leute entführt und wir singen alle aus vollem Herzen!

Anke stellt Mathe-Fragen nach. Ist das Ergebnis möglich oder auf den 1. Blick unsinnig? Wie addiere ich Zahlen mit unterschiedlichen Nennern? Wie teile ich Zahlen mit Kommastellen?—Lehrerfortbildung! –Ohne Kommentar! Dann heißt es, der seit Monaten erwartete Inspektor für die Pumpe sei da, ohne Ankündigung—Anke saust los. Halb drei, bisher keine Zeit zu essen. Es gibt Eintopf. Ich übe mit einem Kind Mathe und spiel dann mit den größeren Mädchen mit den Jonglierbällen bis um 4 Uhr. Behandlungszeit für die Patienten, die teilweise schon lange vor dem Tor gewartet haben. Es seien sehr viele Leute. Anke bekommt eine Liste.- die dringendsten dürfen rein. Dr. Rosi kommt auch und wir behandeln in 2 Zimmern. Neuralgie, Bauchschmerzen, V.a. Sichelzellanämie mit Schmerzen überall- die Patientin wird zum Blutausstrich in die Klinik geschickt-und eine schwangere Frau mit Schmerzen. Dann wird ein Motorradfahrer hereingetragen, der eine ca. 20 cm lange klaffende Wunde am Fuß hat. Lokalanästhesie und Naht. Danke an Praxis Dürr! Abendessen um 20.30 mit Radler aus Bier Prestige (Port au Prince) und 7up, dann geht´s ins Bett.

22.4. Spaghetti mit Kohlblättern und schwarzer Kaffee zum Frühstück, das ist echt gewöhnungsbedürftig! Um 8.30 Vorbereitung zur Geburtseinleitung bei Übertragung mit 1 Ampulle Oxytocin in 1l NaCl. Nach 4 Stunden tut sich immer noch nichts. Ich mache bei den Kindern von 2 Vorschulklassen die Untersuchung der Köpfe auf Pilzerkrankung: 2/3 sind positiv! Bei den 2-5-jährigen 6 von 8. Ein Schüler hat im Streit eine Faust auf´s Auge bekommen und sagt, er sieht nichts mehr mit dem Auge. Kann aber sagen, wie viele Finger man zeigt. Anke wird die Verletzung an den „Direktor“ melden. Ein anderes Kind hat eine Augenentzündung—gut, dass ich Berberil dabei habe. Ein Kind hat fürchterliche Schmerzen im Knie. Sowas wie Voltarensalbe finde ich nicht, also mach ich eine Salbe mit Vitaminen drauf- und die Schmerzen sind verschwunden. Gleich 3 Angestellte wollen Blutdruck kontrolliert haben. Ist er normal, sind sie eher unzufrieden. Einmal ist er erhöht und soll in 2 Tagen kontrolliert werden- sehr zufrieden. Ich frage Hugo wegen Maschinenöl (wegen den quietschenden Türen) und geb ihm eine 5ml-Spritze mit, um mir etwas abzufüllen. Für 3 Bier (340ml) und 6 7up bekommt er 750 Gourde—wieviel das in € ist, hab ich keine Ahnung. Überhaupt ist das mit dem Geld kompliziert. Man kann in US$ bezahlen, in haitianischen$ und , v.a. auf dem Markt ,in Gourde.

Anke bespricht etwas mit dem Direktor und Verwalter von „unten“. (Valeur von Nanguiné). Es kommen 2 Kinder mit Bauchschmerzen zu mir. Bei dem Jungen ist nach Trinken von Zuckerwasser mit Elektrolyten( Serum oral) alles ok, er hatte heute noch nichts gegessen. Bei dem Mädchen ist der Bauch sehr gespannt, keine Darmgeräusche zu hören. Was tun? Anke rufen! Sie fragt, ob Würmer im Stuhl waren—na ja, darauf kommt man in Deutschland nicht—die Kleine sagt ja und bekommt Albendazol 1Tbl/Tag an 3 aufeinanderfolgenden Tagen. Diese Dosierung geben Ärzte ohne Grenzen, so, jetzt weiß ich das auch.

Ich frag Anke, wo ich meine dreckige Wäsche waschen kann, Kernseife hab ich in meinem Zimmer gefunden—nein, nein, das machen die Wäscherinnen. Sonie besorgt mir einen Wäschesack und lässt zu Ankes Ärger auf meine Bitte hin 5 Schrauben zum Sachenaufhängen in die neuen Bretter in meinem Zimmer bohren. Anke wollte lieber eine Wäscheleine in meinem Zimmer. Um 14 Uhr sagt Anke, dass heute nur Notfallpatienten drankommen, weil sich bei Marthe trotz Oxytocin immer noch nichts tut. Entbindung geht immer vor. Trotzdem stehen viele Leute vor dem Tor und wollen nicht glauben, dass sie nicht behandelt werden. Ich geh zum Tor und tatsächlich ist da ein Baby, das gekrampft hat (und jetzt schläft), eine Frau, die stark schwitzend halb bewusstlos im Arm einer älteren Frau hängt und ein Mann, der auf einer Trage gebracht wurde. Die 3 dürfen rein, alle anderen werden weggeschickt.

Kind hat Fieber, bekommt Paracetamolsaft. Die schwitzende Frau war schon hochschwanger mit stark erhöhtem Blutdruck und Exophthalmus hier und wurde notfallmäßig ins Krankenhaus gebracht. Hat dort entbunden, das Kind ist leider gestorben. Sie wurde dort am 2.4. entlassen. Keine Medikamentenliste, keine Medis dabei. Der Ultraschall zeigt einen großen Pleuraerguß, der punktiert wird. Danach geht das Atmen besser. Furosemid, stationäre Aufnahme, auch ins Zelt. Der Mann von der Trage kommt ins Klassenzimmer. 2 Tische zusammengeschoben, Matratze drauf und fertig ist das Bett. Es drückt sich einen Stock in den Bauch, dann sei es besser. Er ist ausgemergelt und wirft sich rückwärts auf die Matratze. Bei der Sonograpie dringender Verdacht auf Prostatakrebs. Er bekommt Schmerzmedikamente. Bis morgen früh um 7.30 muss das Zimmer für den Unterricht geräumt sein.

Bei jedem Patienten, der aufgenommen wird, muss eine Betreuungsperson mitkommen. Sollte eine Entbindung eingeleitet werden, darf die Schwangere nie alleine sein. Das ist Bedingung für die Aufnahmen. Jetzt finden wir die schwangere Frau ohne Begleitung im Zelt. Das gibt ein Donnerwetter! Sie muss sich im „Saal“ hinsetzen, da sind immer Leute.

Um 1.30 klopft´s an meiner Türe. Die Presswehen haben eingesetzt. Rein in die Klamotten und dann schnell ins Behandlungszimmer. Zum 1. Mal bin ich dabei, wenn ein Kind zur Welt kommt! Es ist ein gesundes kleines Mädchen. Anke hat natürlich alles schon vorbereitet: Decke, darauf Handtuch für´s Baby auf dem blauen Tisch, linke obere Ecke Nabelkomresse und Mullbinde, rechte Ecke Kleidung für´s Kind, unbedingt mit Socken und Mütze(n). Die Nachgeburt wird sorgfältig kontrolliert. Zum Glück musste nicht geschnitten und genäht werden. Die Mutter wäscht die neugebackene Mama , (die kommt mit frischen Kleidern und dem Baby ins Bett) und danach Liege und Boden. Die Plazenta wird eingepackt und mitgegeben.

23.4. Frühstück bei Anke. Kaffee und Eintopf mit Süßkartoffeln, Kochbananen und Yams mit Kohl- und Spinatblättern. Anruf: In der Schule unten krampft ein Mädchen, eine Andere hat auch einen Anfall. Wir sind sehr froh über die Diazepamrektiolen, packen welche ein und brausen los. Ampullen sind schon lange bestellt, kommen aber ebenso wenig wie Tabletten. Einer geht es wieder gut, die andere antwortet immerhin mit ja und nein nach 1 Rektiole. Sie kommt zur Überwachung mit ins Mädchenzimmer bei uns. Anscheinend laufen die Mädchen nach so einem Anfall gerne weg im Wahn und verletzen sich und bei uns ist es sicherer als neben der stark befahrenen Straße unten. Der alte Mann erklärt, er habe gut geschlafen. Der Sohn (oder Enkel?) ist bei ihm. Anke klärt beide über die Diagnose auf. Er wird mit Schmerzmedikamenten entlassen. Die Frau im Zelt kann nach der Punktion deutlich besser atmen.

Soweit, der 1. Teil.


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